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Gewinnmaximierung und soziale Gerechtigkeit

In unserem Wirtschaftssystem gilt immer noch die Maxime: Wirtschaftswachstum löst alle sozialen Probleme. Irgendwann ist der Kuchen so groß, dass für alle genug vorhanden ist, selbst wenn er sehr ungleich verteilt ist. Das bedeutet für die Unternehmen: sie sind angehalten, zu wachsen. Dementsprechend sind auch unser Finanz- und Sozialsystem sowie unser Konsumverhalten auf Wachstum ausgerichtet.

Wer stets mehr Gewinne erwirtschaften will, hat dafür zwei Möglichkeiten: den Umsatz steigern oder die Kosten senken. Denn Gewinn = Umsatz – Kosten.

Inzwischen ist dieses Prinzip soweit ausgereizt, dass mit Kostensenkung und Umsatzsteigerung erhebliche ökologische und soziale Kosten einhergehen.

Zum Beispiel: die Klimakrise oder die Arbeitsbedingungen in der Fleischverarbeitung.

Was läuft hier schief und wie könnte eine Lösung aussehen? Dieser Frage wollen wir im Folgenden nachgehen.

Funktionsweise der Gewinnsteigerung

Umsatzsteigerung

Wie steigere ich als Unternehmen den Umsatz? Indem ich mehr verkaufe. Sobald mein Produkt weltweit verfügbar ist und ich durch Werbung alle potenziellen Konsument:innen erreicht und begeistert habe, muss ich neue Strategien suchen:

  • weitere oder verbesserte Produkte verkaufen,
  • durch Story-Telling einen emotionalen Zusatznutzen verkaufen,
  • Kund:innen von anderen Unternehmen abwerben.

Kostensenkung

Wie senke ich als Unternehmen die Kosten? Indem ich die Produktionseffizienz durch Automatisierung und Digitalisierung steigere. Wenn die Technik und die Arbeitsabläufe hinreichend optimiert sind, benötige ich auch hier neue Strategien:

  • Druck auf die Lieferant:innen erhöhen, ihre Produkte preisgünstig abzugeben,
  • Produktqualität oder ökologische und soziale Standards bei der Produktion reduzieren.

Auswirkungen der Gewinnsteigerung

Gewinnsteigerung ist bis zu einem gewissen Grad gut, weil Effizienz gesteigert wird und ein Produkt möglichst vielen Menschen zur Verfügung gestellt wird. Das Prinzip führt aber zu Ressourcenverschwendung, wenn zufriedene Kund:innen abgeworben oder mit vergleichbaren oder sogar minderwertigen Produkten beworben werden. Und das Prinzip führt zu ökologischen und sozialen Schäden, wenn Lieferant:innen trotz hoher Effizienz noch günstiger produzieren müssen und sich gezwungen sehen, die Arbeitsbedingungen zu verschlechtern und die Natur auszubeuten.

Sollte der Lebensmittelhandel seine Gewinne weiter steigern?

Die größten 4 Handelsketten für Lebensmittel haben längst einen Marktanteil von zirka 85%. Sie gewinnen in Deutschland nur noch Kund:innen hinzu, indem sie ihren Wettbewerbern die Kund:innen abwerben. Meistens durch Werbung mit niedrigen Preisen. Diese gegenseitige Preisunterbietung lässt sich nur aufrechterhalten, wenn die Kosten immer weiter gesenkt werden. Denn die Prozesse sind extrem optimiert und es wird immer mehr digitalisiert. Auch entlang der Wertschöpfungskette der Landwirtschaft ist schon seit den 1960er Jahren die Arbeitseffizienz enorm erhöht.

Jede weitere Gewinnsteigerung ist vor allem Kostensenkung und die wird von denjenigen in der Lieferkette getragen, die am wenigsten Verhandlungsmacht haben: den Erzeuger:innen, den Arbeitskräften von Acker bis Supermarkt, den Tieren und der Natur.

Damit niedrige Preise im Einzelhandel möglich sind, arbeiten andere zu Preisen, die deutlich unter den tatsächlichen Kosten liegen.

Eine Wirtschaft im Gleichgewicht

Eine Wirtschaftsweise die auf fortwährender Gewinnmaximierung beruht strauchelt irgendwann über die ökologischen und sozialen Krisen, die sie hervorbringt.

Darum braucht es ein Gegengewicht, was die Übertreibung der Gewinnmaximierung wieder ins Gleichgewicht bringt, sodass die Wirtschaft wieder dem Gemeinwohl dient. Auf der politischen Ebene können neue Spielregeln für die Marktwirtschaft dieses Gleichgewicht herstellen – dies geschieht bereits langsam durch CO2-Bepreisung und Lieferkettengesetze. Auf der unternehmerischen Ebene kann eine wahrhaftige Werteorientierung eine große Veränderung bringen, wie es Unternehmen aus dem Social Entrepreneurship-Bereich zeigen.

Unternehmerische Umsetzung am Beispiel WirMarkt

Wir möchten mit dem WirMarkt ein Beispiel für ein Wirtschaften im Gleichgewicht zwischen Gewinn- und Werteorientierung schaffen. Wir optimieren Prozesse und fördern Effizienz, solange dies soziale Gerechtigkeit fördert und im Einklang mit der Natur stattfindet.

  • Wir schaffen soziale und ökologische Werte, indem wir unsere Lieferant:innen fragen, welche Preise sie benötigen, um würdevoll ihre Arbeit zu machen (bis zu den Menschen auf dem Acker).
  • Wir initiieren gemeinsam Projekte, die beispielsweise Biodiversität steigern und CO2 binden.
  • Wir reduzieren Aufwand für Marketing, Verpackung, Lagerung, Transportkosten, indem wir die Lieferkette kurz halten.
  • Wir laden zu einer Ressourcen-schonenden Ernährung ein.

Exkurs: Finanzierung

Bei der Finanzierung wird es schon etwas kniffliger, weil die meisten Förder- und Finanzierungsmodelle auf Wachstum ausgelegt sind. Dies funktioniert meistens so: ein Unternehmen entwickelt eine technologisch innovative Idee und ein Konzept, wie es damit Marktführer wird. Das Unternehmen gibt einen Teil seiner Gewinnansprüche an Investor:innen ab, welche dafür Geld in das Unternehmen geben. Die Investor:innen haben ein Mitspracherecht bei Geschäftsentscheidungen. Der einzige Unterschied, den die Investor:innen auch selbst spüren ist ein Unterschied in der Gewinnausschüttung. Daher nutzen sie ihr Mitspracherecht dazu, die Gewinnausschüttung zu maximieren.

Wir brauchen also Förder- und Finanzierungsinstrumente, die:

  • die soziale und ökologische Wirkung von Geschäftsmodellen honoriert, gerade wenn das Unternehmen nicht an endlosem Wachstum orientiert ist,
  • das Mitspracherecht der Investor:innen bei die Gewinnausschüttung betreffenden Entscheidungen beschränkt
  • die Investor:innen nach einer angemessenen Kompensation und Rückzahlung ihres Investments auch wieder aus dem Unternehmen verabschiedet

Das ist nicht trivial umzusetzen, wir betreiben hierzu mit verschiedenen Akteur:innen Lobbyarbeit, um die Förderinstrumente auf sozial-orientiertes Unternehmertum anzupassen und entwickeln für uns passende Investitionsmechanismen.

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