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Allgemein Hintergundwissen

Bauern und Biodiversität: kurz vor dem Burnout?

Warum wir mehr Gemeinwohl in der Landwirtschaft brauchen und welche Wege dorthin führen.

  • Die Landwirtschaft in Deutschland befindet sich in einer systemischen Krise, mit drastischen Folgen für Natur und Mensch. Es gibt immer weniger Insekten und Vögel. Gleichzeitig werden Landwirt*innen unmöglichen Wachstumsforderungen ausgesetzt, von denen nur Großbetriebe profitieren.
  • Während Supermarktketten und Agrarkonzerne als Gewinner aus der Pandemie herausgehen, kämpfen Landwirt*innen und Landarbeiter*innen weltweit um ihre Existenz.
  • Der Deutsche Bauernverband begibt sich oftmals in eine Opfer- bzw. Heldenrolle, anstatt an dringend notwendigen Lösungen für die Zukunft der Landwirtschaft (und des Planeten) mitzuarbeiten.
  • Es gibt aber auch viele neue Ansätze, wie es auch anders geht: zum Beispiel durch das Erfassen von externen Kosten mit Richtig Rechnen in der Landwirtschaft und einer Orientierung an der Gemeinwohl-Ökonomie.

Die Landwirtschaft im Auge des Sturms

Am 11. Juni fand im HADLEY’S in Hamburg der Zwischenraum-Salon statt, dieses Mal zum Thema “Gemeinwohl in der Landwirtschaft”. Coronabedingt war es ein kleiner, aber feiner Kreis, der sich an diesem lauen Frühsommerabend traf, um den zwei Sprecherinnen zuzuhören und selbst am Gespräch teilzunehmen. Die Gäste des Abends waren Tanja Busse, Autorin des Buchs Das Sterben der Anderen, und Anneli Wehling, ihrerseits engagierte Milchviehwirtin aus Schleswig-Holstein. Für die Moderation sorgte Dr. Klara Stumpf von der Alfred-Toepfer-Stiftung.

Wer an das Thema “Landwirtschaft” denkt, denkt oft an die Probleme, mit denen die Branche kämpft, beziehungsweise die sie mitverursacht. Besonders wenn es um Klima-und Umweltschutz geht, läuten immer mehr Alarmglocken. In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich diesbezüglich so einiges aufgestaut. Um nur ein paar Sachen aufzuzählen: mangelnder Umweltschutz, Treibhausgasemissionen, Massentierhaltung, Bodenerosion. Der Einsatz von Pestiziden und rücksichtlosem Mähen führt zu massiven Biodiversitätsverlusten, von Insekten bis hin zu Vögeln. Mit jedem neuen wissenschaftlichem Bericht zur Lage scheint sich die Prophezeiung des “Silent Spring” (“stummer Frühling”) von Rachel Carson zu bestätigen. Tanja Busse bezeichnet diesen Prozess als Defaunation. Eine Anekdote hierzu, die viele heranziehen, ist das “Fehlen” von Insekten auf der Windschutzscheibe nach einer Fahrt auf der Autobahn. Vor 20, 30 Jahren war das doch noch ganz anders, oder?

Tanja zeigt auf, dass sich dieser Prozess schon seit langer Zeit anschleicht: so schrieb schon Rosa Luxemburg in einem Brief von 1917 über das Schwinden der Singvögel in Deutschland als Folge einer zunehmend rationellen Forstkultur und des Ackerbaus. Das Phänomen nennt sich “shifting baselines syndrome”: jede Generation gewöhnt sich an die Artenvielfalt, mit der sie aufwächst; Veränderungen werden nur selbst über die Jahre hinweg (wenn überhaupt) wahrgenommen. Passt sich der Mensch zu oft an solch einen neuen „Standard“ an, ohne etwas dagegen zu unternehmen, kommt er irgendwann unweigerlich an einen Punkt, an dem ganze Ökosysteme zu kippen drohen. Komplette Kreisläufe können sich dann einfach kaum oder nicht mehr erholen. Und genau vor solch einem “Tipping Point” stehen wir mittlerweile seit geraumer Zeit, warnen viele Wissenschaftler.

Quo Vadis, Landwirtschaft?

Auch auf menschlicher Seite verschärfen sich die Bedingungen. Anneli Wehling berichtet, dass sie einst aus Liebe zu den Kühen und dem Handwerk als Milchbäuerin in die Branche einstieg, und dass die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte so ziemlich alle Freude daran zerquetschten. Mittlerweile sei nur noch an der kranken Kuh Geld zu verdienen, und trotzdem bleibe den Bauern einzig ein Restgeld. Landwirt*innen stehen immer mehr unter Druck, sollen “unternehmerischer” werden; koste, was es wolle. Wer nicht mithalten kann mit dem Wachstumswahnsinn, sich nicht noch weiter verschulden kann, um seinen Hof und Viehbestand zu vergrößern, schmeisst irgendwann verbittert hin.

Da Landwirt*in ein immer weniger attraktiver Beruf wird, überrascht es nicht, dass die Anzahl der Betriebe seit 1999 um 42 Prozent zurückgegangen ist. Steht ein Hektar Land zum Verkauf, stehen die Chancen gut, dass dieser ruckzuck und mittels zwielichtiger Praktiken von außerlandwirtschaftlichen Spekulanten und Konzernen aufgekauft wird. Kleinere landwirtschaftliche Betriebe, besonders junge oder ökologische, haben bei den immer weiter steigenden Preisen trotz Vorverkaufsrecht kaum eine Chance, um an dringend benötigten Boden (zum Beispiel zum Kühe weiden oder Futter anbauen) ranzukommen. Land wird auf diese Weise rapide denen entzogen, die es auch tatsächlich bewirtschaften.

So zum Beispiel der Fall Hauke Jaacks: seinem Hof, der auf gepachtetem Grundstück steht, droht das Ende, da das Grundstück an einen außerlandwirtschaftlichen Investor verkauft wurde. Entstehen soll dort ein Reitstall. Jaacks hatte ein Kaufangebot abgegeben, als er erfuhr, dass das Grundstück zum Verkauf stand. Die Eigentümerin hatte den Hof geerbt, aber ihrerseits kein Interesse an der Landwirtschaft. Über die Jahre hinweg gab es einige Reibungen mit der Verpächterin um die Frage, wer was wo investieren soll. Jaacks fiel aber aus allen Wolken, als er durch Zufall erfuhr, dass der Hof schon an einen Investor verkauft wurde. Das Vorverkaufsrecht griff angeblich nicht, da der Pferdehof als landwirtschaftlicher Betrieb eingestuft wurde. Das Konzept für den Hof liegt jedoch nicht einmal der Bezirksversammlung Altona vor. Georg Janßen, Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), beschreibt die Lage so: „Ein Immobilienmakler wird auf Grundlage einer Skizze für einen Pferdehof mit einem praktizierenden Milchbauern gleichgestellt.“ Hauke Jaacks hat nun Widerspruch bei der Hamburger Wirtschaftsbehörde eingelegt.

Das “wirtschaftliche Korsett” wird immer enger

Die wenigsten Bauern wollen laut Anneli aktiv in einem System arbeiten, das Natur und Tierwohl hinten anstellt. Jedoch fühlen viele sich mittlerweile einfach nur noch zwischen den Fronten zerrieben: als Hauptverantwortliche für das Umsetzen immer neuer, teurer Umweltauflagen einerseits, und dem Wachstumsdruck andererseits. Gerade in Zeiten der Coronapandemie kommt die folgende Dynamik immer stärker zum Tragen: es hat sich ein “wirtschaftliches Korsett” gebildet, das vielen Produzenten langsam die Luft abschnürt, während zum Beispiel Großhändler, Discounter, und Supermärkte durch Preisdrückung und Ausbeutung massive Gewinne einfahren. In der Ausbildung zum Landwirt, hören wir von einer Teilnehmerin aus dem Publikum, ginge es mittlerweile nur noch um letzteres. Neue Umweltmaßnahmen würden oft als geschäftsbremsende, “grüne” Schnapsidee gesehen – denn die Landwirte von heute sähen sich ja nicht mehr als bloße “Bauern und Bäuerinnen”, sondern als stolze Unternehmer*innen und Fachkräfte, die auf harten Märkten konkurrenzfähig bleiben müssen.

Maßgeblich an dieser Misere beteiligt sei auch auch der Deutsche Bauernverband, der unter den Landwirten oft Stimmung gegen Reformen mache und sich für ein “Weiter so!” einsetze. Der Verband sei stark mit der Agrarlobby-und Industrie verflochten, was dazu führt, dass oft in deren Interesse – sowie unter dem Deckmantel der Interessen der Landwirte – immer die gleiche Politik betrieben wird. Und immer wieder werden genau die Großbauern zu Funktionären gewählt, die am meisten (oder als einzige) davon profitieren. So stand an der Spitze des Deutsche Bauernverbands jahrzehntelang der “Bauernbaron”, Freiherr Heereman von Zuydtwyck. Heutiger Präsident, Joachim Rukwied, wurde vom Naturschutzbund NABU 2017 mit dem “Dinosaurier des Jahres” ausgezeichnet, da er die Verantwortung der Landwirtschaft für das Artensterben abstreite. Rukwied freute sich über die Auszeichnung, da “sie von vielen Berufskollegen und Mitgliedern als Auszeichnung verstanden” würde. Dies sagt einiges über den traurigen Grabenkampf aus, der auf Kosten heutiger und zukünftiger Generationen geführt wird.

Es geht auch anders

Es gibt zwar eine Menge, das momentan schief geht – aber es gibt auch neue und wichtige Ansätze, wie wir Alternativen kreieren können. So zum Beispiel führte die Regionalwert AG zusammen mit dem Agronauten e.V. zwischen 2018 und 2019 das Projekt „Richtig Rechnen in der Landwirtschaft“ durch. Ziel war es, ähnlich wie beim True Cost-Prinzip, Mehrkosten und Leistungen zu erfassen, die beim Einsatz nachhaltiger Methoden in der Landwirtschaft entstehen; zum Beispiel der Verzicht auf chemisch-synthetische Dünge-und Pflanzenmittel, und die regionale Herkunft von Betriebsmitteln. Durch eine anschließende monetäre Bewertung von Indikatoren sollten diese Nachhaltigkeitsleistungen dann über einen Fonds finanziert werden.

Die Gemeinwohl-Ökonomie orientiert sich am eigentlichen Zweck des Wirtschaftens, und zwar der Erfüllung menschlicher Bedürfnisse. Zentral stehen hier gute Beziehungen zwischen Unternehmen und Lieferant*innen, Mitarbeiter*innen und anderen Beteiligten, sowie zu Werten wie Menschenwürde, Solidarität, ökologischer Nachhaltigkeit, sozialer Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung. Dem Prinzip nach sollten Unternehmen, die besonders viel für das Gemeinwohl leisten, durch niedrigere Steuern und andere Mechanismen einen Marktvorteil erhalten. Hierdurch sollen kooperative Unternehmen, die sich für regionales und nachhaltiges Wirtschaften engagieren, in den Vordergrund gerückt werden.

Auch interessant sind Genossenschaften wie Kulturland oder BioBoden, die Land kollektiv aufkaufen, um es wieder regional eingebundenen Bio-Bauernhöfen zur Verfügung zu stellen.

Vor allem benötigen Alternativen zu unserem maroden Nahrungsmittelsystem viel Tatkraft und Willen, um Realität zu werden. Was zählt, ist, dass wir damit anfangen, Veränderungen aktiv zu leben und zu fördern. Mit dem WirMarkt wollen wir genau dies bewirken, und gleichzeitig eine Plattform für andere Initiativen bieten, denn am allerwichtigsten für eine bessere Zukunft ist die Zusammenarbeit. Wir freuen uns auf die spannenden Entwicklungen, an denen wir in den kommenden Jahren natürlich mitwirken werden. Du auch? Dann mach mit!

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